Jazz for kids

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Erscheinungsdatum: 05/12/2013

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Über ein musikpädogisches Projekt der „Dutch Swing College Band“

Text: Stefan Rheinbay
Produktion, Audiobeitrag:  Stefan Rheinbay
Redaktion: Peter Zimmermann

Jazz für Kids: Die Musik darf nicht sterben

Guter Musikunterricht findet an deutschen Schulen kaum noch statt. Jetzt tourt die Dutch Swing College Band mit „Jazz In The College“ durch Deutschland und bringt Schülern Musik wie sie sein soll – live.

„Ich habe diese Musik schon immer geliebt. Und deshalb bin ich dabei geblieben.“ Bereits um neun Uhr morgens steht der 74-jährige Bob Kapers mit seiner Klarinette in der Garderobe der Mülheimer Stadthalle. In Anzug und Krawatte spielt der Niederländer sich warm für den großen Auftritt vor deutschen Schülern. „Seit 44 Jahren bin ich bei der gleichen ‚Firma‘ – der Dutch Swing College Band“, lacht Bob. Der Bandleader hat noch lange keine Lust auf Ruhestand. „Wir spielen fröhliche Musik, die nicht so schwer zu verstehen ist wie der moderne Jazz“, sagt er. Der Jazz habe sich weiterentwickelt, über den Swing und Bebop zu allen Spielarten der Jazz-Fusion. Aber die älteste Jazzformation der Welt bleibe trotzig bei ihrem „Oldtime Jazz“. Die Harmonien im Dixieland seien nicht so komplex, sagt Bob, und die Melodien einfacher. Das gebe vor allem Kindern und Jugendlichen einen guten Zugang zur Musik. So kam es zur derzeitigen Deutschlandtournee der legendären holländischen Band.

Musik live

Jazz In The College heißt das Programm, das die sieben Musiker im Rahmen eines Musiktages auch in Mülheim a.d. Ruhr den fünf Gymnasien der Stadt präsentieren.

Im Foyer treten bereits unterschiedliche Schülerensembles auf. Doch die Klassenkameraden und Mitschüler sind vor allem gespannt auf die Profis! „Musik zu hören ist so wichtig wie Wasser zu trinken“, sagt Bandleader Bob Kaper. „Aber bei uns in Holland ist es noch schlimmer als in Deutschland: Die jungen Leute haben oft keine Ahnung mehr, was Jazz ist. Deshalb versuchen wir, ihn mit diesen Schulkonzerten beliebter zu machen. Die Kids müssen das live erleben!“

1000 aufgedrehte Gymnasiasten stürmen mit ihren Musiklehrern den Saal. Nachdem sie die Plätze eingenommen haben, weicht die Fröhlichkeit in den Kindergesichtern schlagartig blankem Entsetzen: Der Moderator von der örtlichen Jazzinitiative verkündet ein „Handyverbot während des Konzertes“. Pflichtgemäß hält die Bürgermeisterin ihr Grußwort. Dann kommt wieder Leben ins Publikum.

Keine Dudelei

Die Jungs von der Dutch Swing College Band übernehmen. Drei von ihnen sind um die 30. Die anderen Bandmitglieder gehen bei diesem Publikum als Großväter durch. Aber auch sie wirken auf der Bühne plötzlich ziemlich jugendlich.

Sie eröffnen die Show mit dem unvermeidlichen „Oh, When The Saints“. Dann erklären sie mit einem kleinen Solo jeweils ihr Instrument, schön eins nach dem anderen: Trompete, Posaune, Klarinette, Saxophon. Und natürlich die Rhythmusgruppe mit Banjo, Schlagzeug und Kontrabass.

Zusammen geben die Jungs eine ungewöhnlich freie Einlage. „Jazz ist kein sinnloses Herum-Dudeln“, will Bandleader Bob demonstrieren, als er seine Musiker zusammenhanglos vor sich hin spielen lässt. „Wir können auch so weitermachen“, droht er schmunzelnd, als das junge Publikum die Free Jazz-Einlage mit großem Applaus belohnt. Stattdessen gibt seine Band jetzt aber einen Dixieland-Gassenhauer auf den anderen. Das betuliche Anmoderieren jedes Songs vom Vertreter der örtlichen Jazzinitiative finden genervte Schüler völlig überflüssig. Doch dann packt sie Bandleader Bob, seine Dutch Swing College Band und die Musik. New Orleans-Jazz mag antiquiert sein, gespielt wird diese Musik hier aber vortrefflich.

Musik der Freiheit

„Das ist die Musik der Freiheit“ erzählt Bob Kaper den Mülheimer Schülern. Ihre Stadt hat in diesem Zusammenhang selbst bemerkenswerte Tradition. „In New Orleans war Dixieland nach dem Bürgerkrieg für die Afro-Amerikaner Ausdruck der Befreiung von der Sklaverei. Und auch für uns Holländer war Dixie Ausdruck der Freude, als die Nazibesatzung zu Ende war.“

Die Nazis hatten Swing als „Niggermusik“ und als Inbegriff „juedisch-negroider Unterwanderung“ geschmäht. In die relativ vitale Jazzkultur der Niederlande mischten sie sich jedoch kaum ein. So konnte die Dutch Swing College Band 1945 relativ nahtlos daran anknüpfen.

Im Nachkriegsdeutschland hingegen – egal ob Ost oder West – blieb Jazz verpönt. BRD-Kanzler Konrad Adenauer bevorzugte Männerchöre. DDR-Staatsoberhaupt Walter Ulbricht bezeichnete den geschmähten Swing jetzt sogar als „Affenmusik“.

„Wer hätte gedacht“, werden die Schüler im Saal gefragt, „dass nach dem Krieg ausgerechnet in Mülheim a.d. Ruhr erste Bemühungen zu einer Anerkennung des Jazz gestartet wurden?“ Genau in dieser unscheinbaren Großstadt im Ruhrgebiet gründete sich nämlich 1952 die „Deutsche Jazz Föderation“, in der sich „alle Clubs und Personen, die sich ernsthaft mit dem Jazz befassen“, zusammenschließen sollten. Dabei ging es vor allem um eins: Die Anerkennung von Jazz als Kultur.

Harte Kritik

Dass die Dutch Swing College Band mit „Jazz In The College“ auch in Mülheim ein Aussterben dieses Musikstils verhindern will, passt ins Bild. Doch Kritik im Publikum lässt sich nicht überhören: „Es ist immer gut, aktive Live-Musik in den Schulalltag zu integrieren.“ Schade findet ein Lehrer nur, „dass Jazz mit älteren Männern assoziiert wird, die eine alte Musikkultur repräsentieren.“ Solche Initiativen könnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Musik an deutschen Schulen kaum mehr stattfindet, ergänzt ein zweiter Lehrer im Publikum. „Letztendlich ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, pflichtet Pianist Martin Johnson ihm bei, der mit „Jazz for Kids“ im Bundesland Baden-Württemberg ein ähnliches Projekt leitet. Er kritisiert, dass der Musikunterricht bundesweit an Musikschulen ausgelagert wird. „Mit Monatspreisen um 90 Euro für eine Wochenstunde ist das für viele Familien kaum erschwinglich. Dazu kommt der Trend zur Gesamtschule: Die Kinder haben einfach keine Zeit mehr!“

Zeit sollte sich jeder junge Mensch für Musik nehmen, rät Bandleader Bob Kaper den Kids in gewohnter Bescheidenheit. „Es geht hier nicht um uns. Es geht um die Musik. Und die Musik darf nicht sterben!“

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